Direkt aus dem Epizentrum der Saugpappe
Ich bin froh, dass ich diesen Artikel geschrieben habe. Vor mir hergeschoben habe ich ihn, Tage, Wochen, Monate. Eine ganze Dekade von Tagen. Tage, die davon bestimmt waren, dass ich morgens aufstand, meine Gedanken notgedrungen sortierte und mich nach einem kurzen Spaziergang, das Bad und die Küche streifend, wieder unverhohlen in das wohltemperierte Bett begab, das mit seinen doppelt gelegten Winterdaunen und Art Deco-Bezug weiterhin entspannte Stunden versprach. So klopfte ich drei Mal auf das Zedernholz bevor ich meine Kaffeetasse nahm und sie sogleich wieder abstellte, denn sie war zu heiß geraten.
Eigentlich wunderbar dieses Zedernholz. Mir wurde es vor vielen Jahren von einem buckeligen Schreiner empfohlen, der noch krumme Reste übrig hatte. Normalerweise baute er daraus Standuhren, die er mir in aller Ruhe vorführte bevor er den kurzen Bleistift aus seiner Hemdtasche zückte und Maß nahm. Mit ein wenig Leim und viel Geduld schaffte er es, die Zargen fachmännisch zu dingsen, um dem Laien ein wannenähnliches Objekt des Schlafes wegen zu kredenzen. Täglich wenn ich zu Bett ging erinnerte es mich an die Wiege aus der Zeit, die meiner Adoleszenz vorausging. Deshalb gehen Menschen auch gerne auf Kreuzfahrten. Nicht mehr des Missionierens und nicht nur des großen Fressens wegen. Sondern um sich an das sanfte Schaukeln des mütterlichen Schoßes zu erinnern, das jäh abgelöst wurde durch eine Stahl-Wiegen-Konstruktion, die der sitzende Vater sonntäglich viel zu stark anschob; genauso wie er es kurze Jahre später tat mit der Autoreifenschaukel des öffentlichen Spielplatzes.
Aber dann kam mir die Erleuchtung, die Eingebung für diesen Artikel. Genau sowas wollte ich abliefern. In den Himmel hinein wollte ich es schreiben. Lang sollte der Text werden; länger als die XXXL-Wurst von Galileo, die fein säuberlich aufgerollt vor der Garage des hiesigen thüringischen Dorfmetzgers, mit Hilfe von seinen beiden Lehrlingen, fachmännisch auf ein Stahlgestell geschraubt wurde. Die baldigen Gesellen schwitzten, denn es war Hochsommer – aber am gestrigen Abend nur im Rundfunkempfänger, denn draußen vor der Tür bließ heute stetig der Ostwind, den Ben Wettervogel in den frühen Morgenstunden über acht Mal, wohlwollend variiert und notdürftig paraphrasiert, mit trügerischer Genauigkeit angekündigt hatte. Wie so oft stand Wettervogel irgendwo in der nichtssagenden Lüneburger Heide, vor einer nichtssagenden Wetterstation, um dem nichtsahnenden Zuschauer frühmorgendlich die Schweißesnässe ins Gesicht zu treiben. “Von Osten zieht eine Hagelfront auf, Autofahrer sollten besser ihre Wagen stehen lassen, um dem Unwetter ein Schnippchen zu schlagen!”, sagte er in seinem gewohnt staksig-unsicheren Sprachduktus, der von seiner schlechtsitzenden und von Orange geprägten ZDF-Wetterjacke visuell unterstrichen wurde.
Kaum hatte dieser Wettervogel seine Sätzchen an jenem Tag aufgesagt, hörte ich das Raunen der nachbarschaftlichen Mittelklassekombis. Ich zog mich am Bettpfosten hoch, fasste an den rostigen Griff und öffnete das Fenster ein wenig, denn es befindet sich auf Höhe meiner Knie, die zu nachts häufig kalt wurden bis ich Abhilfe schaffte und eine dickere Gänsedaunendecke kaufte. Draußen auf der Straße war der nachbarliche Herr Schneider erzürnt des Wetterberichts wegen und brach sogleich auf, damit er dem herannahenden Wolkenbruch entgehen konnte. Schließlich habe er heute neue Zahlen zu präsentieren. Gute Zahlen in stürmischen Zeiten, ausnahmsweise. Und “das bisschen Hagel kann einen leitenden Sachbearbeiter des Fachbereichs ‘Kredite’ einer Stadtsparkasse nicht davon abhalten, um 8.30 Uhr am Schreibtisch Dienst nach Vorschrift zu vollziehen!”, schrie er durch die geöffnete Wohnungstür, nachdem er hektisch seinen Autoschlüssel gesucht hatte und ihn im Vorgarten fallen ließ, was dazu führte, dass seine Nochehefrau vom gekippten Küchenfenster schrie, dass er auf die neu gepflanzten Radieschen aufpassen solle, denn bald sei Frühling und da würde sie das Gemüse ernten und es dem Vorspeisensalat beigeben. Denn bald sei sie weg und dann könne er sein Gemüse selbst ernten. Doch als er die Autotür verschloss und den Motor selbstzündete fiel ich, der Diskretion wegen, wieder auf meinen Rücken, genoss den erkalteten Kaffee und schrieb meinen Artikel, den ich bald darauf dem Telefax zuführte und nach Hamburg schickte. Dort war das Unwetter bereits angekommen.
Foto © by Stephan Dann, “Notepad Art” via flickr.com
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http://www.facebook.com/people/Kevin-Bausch/100000861821942 Kevin Bausch
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