Die Saugpappe

Deutschlands härteste Onlineredaktion.

Jedes noch so unbedeutende Dorf besitzt immer einen wichtigen Einwohner, um den sich das gesamte Dorfgeschehen dreht. Nein, es ist nicht der stattliche Bürgermeister, der seit 25 Jahren für die Umgehungsstraße kämpft.

Es geht um den allseits beliebten, immer lockeren und frühschoppenden Dorftrottel, der die eingeschworene Gemeinde zusammenhält. Da schlägt sich die Freiwillige Feuerwehr betrunken im Gerätehaus die Köpfe ein, aber am Ende kann doch jeder über den liebenswürdigen Sonderling lachen, weil er wiedermal den Maibaum in den Dorfsportwagen B-Corsa laden möchte (“Paaaasst!”).

Und weil man das Internet ja gemeinhin als “globales” Dorf oder Global Village bezeichnet, findet man das Trottelphänomen auch dort. Allerdings potenziert sich im Internet die Zahl derer, die sich gerne mal zum Affen machen in schier umfassbaren Ausmaßen.

Schon Wartin Malser, Gott hab ihn seelig, schrieb in seinem 4. Buch an die Sizilianer folgenden klugen Hinweis:

Egal wohin Dich Dein Eselsgefährt trägt, in einem Dorf mit, sagen wir, 100 Einwohnern bist Du meist umzingelt von einem Dorftrottel. Umzingeln funktioniert aber erst ab vier Menschenhüllen, die alle Himmelsrichtungen  beziehungsweise Flanken Deines treuen Gefährts abdecken.

In Deutschland benutzen nach Schätzungen im Jahre 2009 allein 43,5 Millionen Menschen das Internet. Somit liegt die potenzielle Anzahl an Netztrotteln in Deutschland bei 435.000 Menschenhüllen.

Was viele da aber nicht beachten, ist, dass die meisten Netztrottel aus Youtube kommen und sich dort bevorzugt aufhalten. Wir haben Ihnen, liebe Leser, in unserer unendlichen Güte und Mächtigkeit zwei köstliche Klassiker zusammengestellt:

Der Unterschied zwischen Netz- und Dorftrotteln liegt aber auch darin, dass sich im Globalen Dorf die Netztrottel solidarisieren und ganze Netztrottelgemeinden gründen (können). Was früher – und das war gut – im Dorf blieb, nimmt immmer weitere Teile des Internets ein. So genannte Links und Foren ermöglichen diesen beschränkten Kreaturen eine Verbindung jenseits ihrer dreistelligen Telefonnummer aufzubauen. Was sich dort tummelt, spottet jedweder Beschreibung!

Als expliziteste Beispiele dieser Gattung können Sie Twilight-Communitys oder StudiVZ-Gruppen wie “Ich studiere BWL, weil ich Menschen helfen möchte” ansehen. Im Grunde können Sie auch das asoziale “Volksnetzwerk” Wer kennt Wen als solches hinzunehmen – und mit der Begründung “Wen kenne ich zum Glück nicht” ad acta legen. Und überhaupt alles, wo man schmierige Gedichte von wildfremden Menschenhüllen oder – noch viel schlimmer – ASCII-Blumenpenisgrüße auf die virtuelle Pinnwand gedrückt bekommt, weil Hausmütterchen Petra die so niiiedlich findet und Jason Schmidt vor Langeweile fremde Profile durchrauscht statt die Förderaufgaben zu erledigen.

Um solche Abgründe des netzlichen Daseins sollten Sie, genüsslich mit dem Brockhaus in der einen und den Anekdoten Wartin Malsers in der anderen Hand, einen großen Bogen machen. Wir sind von Selbstdarstellern und Netztrotteln umgeben und müssen uns einige Biotope jenseits dieser hoffnungslosen Versumpfungen erhalten. Manche bezeichnen dieses Mitmachweb inzwischen als den Geburtsfehler der Netzrepublik. Zumindest die Netzgemeinde wird in den kommenden Jahren spüren, was das Netz uns mit seiner Informationsdiarrhoe eingebrockt hat.

Wir von der Saugpappe werden aber auch im Jahr 2010 dieser Verbreitung der Sinnlosigkeit und Trotteligkeit entgegenwirken, natürlich weiterhin mit der nötigen (verbalen) Waffengewalt. Bis dahin wünschen wir Ihnen einen guten Start ins neue Jahr, meiden Sie weiterhin andere Seiten und bleiben Sie dem gebeutelten Malserianern und Saugpappisten treu. Denn: Es kann nur mannigfaltiger werden.

Foto © sleepallday, flickr.com